Prof. Dr. Joachim Harst
Zur Person
Joachim Harst hatte von Oktober 2018 bis März 2024 die Juniorprofessur Komparatistik an der UzK inne. Nach einem Studium von NdL, Philosophie und Geschichte in Tübingen und Aix-en-Provence (abgeschlossen 2006 mit der Magisterarbeit Textspalten. Fetischismus als literarische Strategie) arbeitete er an der Yale University bei Prof. Rüdiger Campe an dem Dissertationsprojekt Heilstheater mit Schwerpunkt auf dem problematischen Verhältnis von Theater und Theologie in Texten von Kleist und Gryphius (abgeschlossen 2010). Von 2010 bis 2018 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Prof. Christian Moser (Universität Bonn, Institut für Germanistik, Abteilung Komparatistik). Währenddessen war er Redakteur der Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft (ZÄK, 2008-2017) sowie des Jahrbuchs Komparatistik (hrsg. vom Vorstand der DGAVL, 2011-2017). Seit 2011 ist Joachim Harst Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. 2021 erschien seine Habilitationsschrift »Universalgeschichte des Ehebruchs.« Verbindlichkeit zwischen Recht, Religion und Literatur (Wallstein).
Seit April 2024 nimmt Joachim Harst eine Vertretung an der Universität des Saarlandes (Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft) wahr. Aktuelle Angaben zu Veranstaltungen und Publikationen sind auf der Website Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität des Saarlandes zu finden.
Forschungsschwerpunkte
Publikationen
Arbeitsgruppen
Serendipitäres Spurenlesen
AG Serendipitäres Spurenlesen (2022-2024)
Ausgangspunkt
In einem bekannten Essay hat Ginzburg behauptet, die sich im 19. Jahrhundert ausdifferenzierenden „Geisteswissenschaften” teilten sich mit den zeitgenössischen Detektivgeschichten ein epistemologisches Paradigma, das er als „Indizienparadigma” bezeichnete. Für die Kunst der Spurenlese, die Ginzburg anhand paradigmatischer Figuren der frühen Moderne wie Freud, Morelli und Sherlock Holmes in den Blick nahm, ist darüber hinaus jene besondere Form der Zufallskreativität entscheidend, die 1754 erstmals von Horace Walpole auf den Begriff "Serendipity" gebracht wurde und die bis heute in kulturtheoretischen Diskursen eine Rolle spielt: Die Entdeckung von Spuren lässt sich nur selten planen, sie treten mehr oder weniger unerwartet in den Blick, und wenn sie auftreten, müssen sie im Modus kreativer Abduktion ausgewertet werden.
Seither kann man fragen, was die Literaturwissenschaft aus Detektivgeschichten über sich selbst lernen kann, werden doch die Detektive regelmäßig als sowohl professionelle wie kreative Leser dargestellt. Diese Frage richtet sich besonders an solche Detektivgeschichten, die eine postkoloniale Perspektive einnehmen und damit Alternativen zur abendländischen ratio des Detektivs entdecken. Und sie lässt sich auch auf die Geschichte der Detektivgeschichte zurückbeziehen: Häufig wird diese aus einem eurozentrischen Blickwinkel geschildert, so dass die Detektivgeschichte als westeuropäisches Produkt erscheint. Doch so wie die Schlussfolgerungen des Detektivs häufig die reine Logik überschreiten (Abduktion), so hat schon Ginzburg einen außereuropäischen „Ursprung des Indizienparadigmas” angesprochen, wenn er auf die orientalische „Geschichte der drei Söhne des Königs von Serendippo” als Archetyp verweist.
Arbeitsgruppe
Die Arbeitsgruppe "Serendipitäres Spurenlesen" will vor diesem Hintergrund im vergleichenden Blick auf europäisch-nordamerikanische und außereuropäische Ermittlungsgeschichten einerseits Ginzburgs Indizienparadigma auf seine Aktualität hin prüfen und andererseits die Rolle, Herkunft und Tradition der Serendipität reflektieren. Hierdurch ergeben sich außerdem produktive Vergleichsbezüge zu literaturwissenschaftlichen und insbesondere komparatistischen Praktiken.
Eine erste Veranstaltungsreihe fand im Sommersemester 2022 in Form von regelmäßigen Arbeitstreffen bestehend aus Vorträgen und gemeinsamer Lektüre statt. Die Ergebnisse werden in einem Sammelband in der Metzler-Reihe „Diskurse der Kriminalität in Literatur und Medien“, hg. v. Susanne Düwell und Christof Hamann, mit dem Titel “Serendipität/Spuren. Literarische Konstellationen kreativen Spurenlesens im internationalen Vergleich”, hg. von Joachim Harst und Reinhard M. Möller, veröffentlicht.
Aktuelle Publikationen
Sammelband: Serendipität/Spuren. Literarische Konstellationen kreativen Spurenlesens im internationalen Vergleich (Joachim Harst/Reinhard M. Möller)
2024
Im Anschluss an die Veranstaltungsreihe im Sommersemester 2022 wird in der Metzler-Reihe "Diskurse der Kriminalität in Literatur und Medien", hg. v. Susanne Düwell und Christof Hamann, ein Sammelband mit dem Titel “Serendipität/Spuren. Literarische Konstellationen kreativen Spurenlesens im internationalen Vergleich”, hg. von Joachim Harst und Reinhard M. Möller, veröffentlicht.
Der Sammelband beschäftigt sich mit der Bedeutung von Serendipität (Zufallskreativität) für das detektivische und wissenschaftliche Spurenlesen und Schlussfolgern sowie mit der literarischen Ursprungsgeschichte dieses Begriffes. Mit der „kulturellen Relativität des Indizienparadigmas” adressiert er die Frage nach außereuropäischen Ursprüngen der detektivischen Ratio und vergleicht verschiedene literarische Darstellungen serendipitären Spurenlesens aus unterschiedlichen Epochen und Nationalliteraturen miteinander. Lassen sich verschiedene Logiken des Spurenlesens und Schlussfolgerns in verschiedenen literarischen Kulturen nachweisen? Spiegelt möglicherweise die Geschichte des Genres zwischen Alter und Neuer Welt selbst eine vielfältige Logik wider? Und wie stehen diese verschiedenen Verfahrenslogiken mit unterschiedlichen Modellen (literatur)wissenschaftlicher Investigation in Beziehung?
Weitere Informationen finden Sie hier.
Netzwerk Komparatistik
Wissenschaftliches Netzwerk zur Reflexion komparatistischer Praktiken
Undiszipliniert?!
Heute werden mehr als je zuvor Begriffe wie Pluralität, Differenz und Fragmentarisierung herangezogen, um zu beschreiben, wie Individuen Gesellschaft erfahren. Ebenso wird von der Gleichzeitigkeit von Divergenz und Konvergenz in den globalisierten europäischen Gesellschaften gesprochen. Diese Spannung zwischen dem Fremden und dem Eigenen bzw. dem Differenten und dem Konvergenten charakterisiert auch die Komparatistik, insofern sie zwischen nationalen, medialen und wissenschaftlichen Kulturen arbeitet. Daher schließen auch ihre grundlegenden methodischen Problemfelder eine soziale und ethische Dimension ein, die das projektierte Netzwerk aufarbeitet: Vergleich und Vergleichbarkeit, Übersetzung und Mehrsprachigkeit sowie Globalisierung und Weltliteratur – um nur einige komparatistische Grundbegriffe zu nennen – setzen einen konstitutiven Bezug zum Anderen voraus.
Trotz dieser Parallele sind Schnittstellen zwischen Komparatistik und Gesellschaft bislang unterentwickelt geblieben, wie bereits die Abwesenheit komparatistischer Unterrichtsstoffe in schulischen Lehrplänen zeigt (Eggers/Hammann 2018). Diese Lücke will das projektierte Netzwerk füllen, indem es Komparatistik praxeologisch denkt und somit die Dynamik der praxistheoretischen Wende in der Wissenschaftstheorie aufgreift. Komparatistik wird damit als „Bündel von Praktiken“ aufgefasst, die vielfach in die Gesellschaft hineinreichen, ist doch gesellschaftliches Leben ohne die vergleichende Aushandlung von Differenzen nicht zu denken. Zu fragen ist also, welches „ZusammenLebenWissen“ (Ette 2010) in komparatistischen Praktiken steckt. Kann der „comparative way of thinking“ (Saussy 2006) eine symmetrische Kommunikationssituation und eine reziproke Wertschätzung fremder Kulturen fördern?
Das Verhältnis zwischen Methode und Ethos wird von dem Netzwerk am Leitfaden der genannten Problemfelder – Vergleich, Übersetzung, Weltliteratur – wissenschaftlich analysiert. Dabei geht es um eine aktuelle (gegenwarts- und gesellschaftsbezogene) Selbstbestimmung des Fachs im deutschsprachigen Raum, aber auch um die Vernetzung komparatistisch arbeitender Literatur- und Kulturwissenschaftler*innen. Denn Komparatistik ist ein „undiszipliniertes“ Fach bzw. eben eine Praxis, die in verschiedenen Wissenschaften eingesetzt wird und vom interdisziplinären Dialog lebt. In vierteljährlichen Treffen diskutieren wir über komparatistische Praktiken und laufende Projekte. Darüber hinaus entstehen aus der Zusammenarbeit Tagungen und Workshops. Aktuelle Informationen zu den Aktivitäten des Netzwerks finden Sie auf dieser Seite oder unter komparatistik(at)uni-koeln.de.
Organisation: Joachim Harst (Köln), Alena Heinritz (Innsbruck), Melanie Rohner (Bern)
Cologne Mythological Network
Cologne Mythological Network (2020-2022)
After a preparatory meeting in February 2019, the international research group "Cologne Mythological Network" was established with the aim of bringing together scholars with different academic backgrounds who share a common interest in myth and mythology.
The first outcome of the group’s work has been the research seminar series Ancient Myths in Modern Art: Comparative Perspectives on Micro- and Macro-Structures, organized by Prof. Anna Bonifazi (Discourse Studies) and Prof. Joachim Harst (Comparative Literature), and the Cologne Mythological Workshop (Jan 2022), organized by Riccardo Ginevra and Gabriele Schimmenti. Both events have not only brought together speakers from different departments of the University of Cologne, but also from other academic institutions in Cologne, as well as from other parts of Germany and Europe.
The group is currently planning further events dealing with myth and mythology, maintaining its highly interdisciplinary perspective and international character; anyone interested in past and future activities and events may contact Riccardo Ginevra and Gabriele Schimmenti, coordinators of the group.